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17.03.2018

Lesezeit: etwa 4 Minuten

Armutsrisikoquote Alleinerziehender bei 68 Prozent!

 

Familien noch stärker von Armutsrisiken betroffen als bislang angenommen

 

Sascha A. Roßmüller 

„In den letzten 25 Jahren lagen die Einkommen von Familien in Deutschland im Durchschnitt unter denen von Paaren ohne Kinder. Dabei verschlechtert sich tendenziell mit jedem weiteren Kind die Wohlstandsposition von Familien. Zudem sind Familien noch stärker von Armut und Armutsrisiken betroffen als es bisher bekannt war. Die soziale Ungleichheit in Deutschland ist damit größer als bislang angenommen. Das sind die zentralen Ergebnisse der Studie zur Einkommenssituation von Familien in Deutschland von Prof. Notburga Ott, Prof. Martin Werding und ihren Mitarbeitern von der Ruhr-Universität Bochum“. Neu an der Studie ist, dass die Bochumer Wissenschaftler erstmals einkommensabhängige Äquivalenzskalen empirisch für verschiedene Haushaltstypen anhand ihrer Ausgaben ermittelten, um Haushalte verschiedener Größe und Struktur besser miteinander vergleichen zu können. Bislang wird in der Wissenschaft zumeist die für Vergleiche in internationalen Kontexten konzipierte OECD-Skala zur Äquivalenzgewichtung herangezogen. Dies wurde allerdings – so der Hinweis der Autoren der Studie - nie für einen allgemeinen Gebrauch empfohlen. Die hauptsächliche Kritik daran ist, dass deren Anwendung ärmere Haushalte systematisch reicher und besser situierte Haushalte im Gegenzug ärmer darstellte als es tatsächlich zutreffend wäre.

Die von Autoren der Studie empirisch ermittelten Äquivalenzgewichte fallen hingegen bei niedrigen Einkommen höher, bei mittleren und höheren Einkommen aber niedriger aus als nach der OECD-Skala. Es ist zwar nicht neu, dass die Situation bei Alleinerziehenden als besonders dramatisch eingestuft wurde, doch liegt nach der neu entwickelten Methodik deren Armutsrisikoquote nicht bei ohnehin bereits bedenklichen 40 Prozent, sondern sogar bei erschreckenden 68 Prozent. Paare mit Kind bzw. Kindern – so ein Ergebnis der Studie - verbleiben über den gesamten Beobachtungszeitraum von 1992 bis 2015 tendenziell unterhalb des Wohlstandsniveaus von Paaren ohne Kind. Immerhin zeigten sich im Zeitablauf gewisse Aufholprozesse, allerdings entfielen diese auf den Bereich höherer Einkommen. „Seit etwa 2005 hat die Einkommensspreizung bei Paaren mit Kindern stärker zugenommen als bei Paaren ohne Kinder. Schwächere Zuwachsraten weisen vor allem Ein-Eltern-Haushalte sowie Paar-Haushalte mit drei Kindern auf“, ist in der Studie zu lesen. Zwei weitere Feststellungen der Autoren sind insbesondere politisch bedeutsam, nämlich zum einen, dass die zwischen 1992 und 2015 erfolgten Änderungen finanzieller Instrumente der Familienpolitik, etwa die Integration von Kindergeld und Kinderfreibeträgen sowie ihre weiteren Anhebungen, insgesamt nur geringe Effekte auf die Wohlstandspositionen von Familien hatten. Zum anderen habe sich, wie in der Studie zu lesen, gleichzeitig im Beobachtungszeitraum allgemeine Abgaben erhöht, die Familien – etwa wegen ihrer Verbrauchsstruktur – im Durchschnitt stärker treffen als Haushalte ohne Kinder.

Die Autoren der Studie werden auch politisch, indem sie aus ihren Untersuchungsergebnissen auch Forderungen ableiten. Diese zielen auf eine weit reichende Reform der bisherigen familienpolitischen Leistungen ab. In der Studie wird hierzu ausgeführt: „Das unübersichtliche System familienpolitischer Leistungen in Deutschland muss daher dringend überdacht und die Existenzsicherung von Kindern und Jugendlichen neu gestaltet werden. Das Projekt „Familie und Bildung: Politik vom Kind aus denken“ hat dazu gemeinsam mit einem wissenschaftlichen Expertenbeirat ein neues Konzept für eine Teilhabe gewährleistende Existenzsicherung für Kinder und Jugendliche entwickelt. Es sieht drei Bausteine vor: Erstens müssen die Bedarfe und Interessen von Kindern und Jugendlichen systematisch und regelmäßig erhoben werden. Darauf aufbauend sollte zweitens ein Teilhabegeld als neue finanzielle Leistung für Kinder und Jugendliche eingeführt werden. Es ersetzt das Kindergeld, die SGB-II-Regelsätze für Kinder und Jugendliche, den Kinderzuschlag und den größten Teil der Leistungen des Bildungs- und Teilhabepakets. Mit steigendem Einkommen der Eltern wird es abgeschmolzen, um gezielt Kinder und Jugendliche in prekären Einkommenslagen zu unterstützen.“

Der Deutschlandfunk berichtete mit Blick auf die Bertelsmann-Studie beispielgebend über den Bezirk Marzahn Hellersdorf, der mit 37 Prozent den weitaus höchsten Anteil an Alleinerziehenden aller Berliner Bezirke aufweist. Vierzig Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren wachsen dort in Familien auf, die Hartz IV beziehen. In der Hellersdorfer Arche, einer ehemaligen Plattenbau-Schule im Berliner Norden, hieß es in dem Bericht, würden die Mitarbeiter an jedem Werktag ein kostenloses warmes Mittagessen an bedürftige Kinder und deren Eltern verteilen. Dies erinnert an Weimarer Zeiten. Ergänzend zu den seitens der Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegebenen Studie empfiehlt sich eine ebenfalls jüngst veröffentlichte Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW Köln), in der die Armut in Deutschland neu vermessen wurde, und zwar nicht gemäß dem statistischen Einkommen, sondern auf Grundlage der regionalen Kaufkraft des Einkommens. Die Welt berichtete über die IW-Analyse mit dem Titel „Regionale Armut in Deutschland. Risikogruppen erkennen, Politik neu ausrichten“ und schrieb unter anderem: „Armut in Deutschland manifestiert sich zunehmend in Deutschlands urbanen Zentren, ländliche Regionen sind laut der IW-Untersuchung von Armut so gut wie gar nicht betroffen.“ „Gemessen am Einkommen sind nur neun Prozent der Münchner armutsgefährdet, doch gemessen an der Kaufkraft sind es schon 17,5 Prozent“, zitiert die „Welt“ IW-Ökonom Klaus-Heiner Röhl. „Überraschend dürfte für viele auch die Tatsache sein, dass unter den zehn Orten in Deutschland, die laut IW-Berechnung als „kaufkraftarm“ gelten, mit Berlin Mitte/West nur eine im Osten der Republik liegt“, heißt es in dem Bericht weiter. Problemfall Nummer eins in der IW-Analyse: Bremerhaven ist der IW-Analyse zur Folge der gravierendste Problemfall. Die Experten errechneten, gemessen am für das örtliche Preisniveau zu niedrigem Einkommen, eine eine Armutsgefährdungsquote von 28,5 Prozent.

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